Der Gesang - Teil 1
Download als PDF: hierEs ist mal wieder spät geworden, oder soll man vielmehr sagen früh? Es ist Sonntag - mittlerweile - und Maurice sieht nicht mehr so frisch aus, als er es noch vor 8 Stunden tat, wo er von zu Hause losfuhr. Sein Auto hatte er den ganzen Nachmittag über gewienert, von innen wie von außen. Sogar einen neuen Duftbaum hatte er sich noch an der Tanke besorgt, nachdem er für 20,- € Normalbenzin in seinen Tank laufen ließ, obwohl die Kiste laut Herstellerangabe Super-Benzin braucht. Vanille, klar, nur der kann es sein. Schließlich kann es ja passieren, dass einem am heutigen Abend die Frau des Lebens über den Weg läuft und wer will dann schon, dass das Auto muffig riecht. Lieber etwas übertrieben nach Vanille duftend als muffig. Aber Maurice hat sich wieder einmal vertan. Jetzt blickt er in Augen mit Rändern, die einer Schüssel Pech ähneln und das Weiß in seinen Augen ist durchzogen von seltsamen, roten Linien, die aussehen, als würde man sich die Flüsse Deutschlands bei Google Earth in rot anzeigen lassen. Er knipst die Innenbeleuchtung im Wagen wieder aus, nachdem er festgestellt hat, dass dies wohl für beide Seiten des Spiegels die bessere Alternative ist. "Scheiße, mann", murmelte er vor sich hin und stellte sich das Mädchen in seinen Gedanken noch einmal vor, das er den ganzen Abend von hinten gesehen hatte. Nur ab und zu hatte sie sich umgedreht, und er fand sie wunderschön. 'Gäbe es Liebe auf den ersten Blick', so dachte sich Maurice, 'dann hätte es mich jetzt wohl voll erwischt'. "Scheiße, mann", zischte er jetzt durch die Zähne und schlug dabei mit seinen flachen Händen auf das Lenkrad. Ein zweites Mal schlug er aufs Lenkrad, nur diesmal viel heftiger und wieder einmal fesselte ihn kurzeitig der Gedanke, ob so ein Airbag wohl aufspringt, wenn man zu stark gegen das Lenkrad schlägt? Aber was dachte er da, das war doch jetzt wohl wirklich nicht seine größte Sorge. "Scheiß Airbag", dachte er sich und stellte sie sich nochmals vor. Einen einzigen Augenblick nur hatte sie ihm in die Augen geblickt, als sie sich umdreht hatte und dieses Funkeln das er in ihren Augen sah, konnte er nicht vergessen. Es war ihm auch völlig egal, ob das Funkeln daher kam, dass sie ihn angesehen hatte, oder aber nur von der fast leeren Flasche Jägermeister, die vor ihr und ihren Freunden stand. Wie dem auch sei, der Abend ist vorbei und wieder einmal hat Maurice es nicht geschafft ein Mädchen anzusprechen. 'Warum müssen auch immer so viele um so ein Mädchen rumstehen?', denkt er sich und kennt auch gleichzeitig schon die Antwort auf die Frage, die er sich gar nicht stellen möchte. 'Was wenn sie alleine da steht? Würde ich sie dann ansprechen? - Wahrscheinlich auch nicht'. "Feige Sau" murmelt er und sucht nach seinen Schlüsseln.
Als Maurice in seine Jack-Wolfskin Jacke greift, klimpert schon der Schlüsselbund. Viele Schlüssel hat man ja nicht als 22-jähriger, aber es gibt eine Menge Utensilien, die man an einem einzigen Schlüsselbund mit sich herumtragen kann. Da wäre zu allererst ein Flaschenöffner, auch "Siebzehner" genannt. Jeder junge Mann mit 22 hat einen Flaschenöffner an seinem Schlüsselbund, davon ist zumindest Maurice überzeugt. Dazu kommt natürlich noch eine kleine LED-Taschenlampe, die selbstverständlich nicht funktioniert. Selbst wenn man die Dinger neu kauft, sind die Batterien meist nur zu einem Bruchteil geladen. Nachdem man dann vor lauter Langeweile eine Stunde damit verbracht hat, auszuprobieren wie hell die Lampe an den verschiedensten Stellen wohl ist, ist die Batterie endgültig leer. Ganz wichtig ist natürlich auch eine Kette - egal was für eine. Es kann sich dabei um ein Stück Fahrradkette oder auch eine Motarradkette handeln. Auch Handelsübliche Ketten aus dem Baumarkt, oder der Schießbude von der letzten Kirchweih sind erlaubt - hauptsache es klimpert und schaut "cool" aus. Maurice möchte auf jeden Fall "cool" aussehen, denn wie sonst würde man denn an eine anständiges Mädchen kommen? Er achtet immer auf sein Äusseres, was ihm aber nicht immer zu hundert Prozent gelingt. Dabei macht ihm schon seine immer noch währende Akne zum Großteil einen Strich durch die Rechnung. Aber Gel und eine coole Frisur mit mindestens zwei unterschiedlichen Haarfarben sind auch nicht zu verachten. Darüber trägt der Mann von Welt natürlich eine Baseball-Cap. Nicht wie früher wo man den Schirm der Cap möglichst rund walgte, sondern flach und breit muss er sein. Die Cap ist natürlich vom New Yorker, so wie fast alles, an Maurice. T-Shirts, Jacken, Caps, Schals, Sonnenbrille, alles von NY.
Maurice zieht den Schlüssel aus der Jackentasche und klimpert noch zwischen etlichen anderen Utensilien an seinem Schlüsselbund herum, bis er endlich die beiden eigentlichen Schlüssel in der Hand hält. Wohnungsschlüssel und Autoschlüssel, mehr hat Maurice nicht. Letzter wandert in das Zündschloss des schwarzen Opel Corsas, wobei sich Maurice die typischen Gedanken eines 22 jährigen nicht verkneifen kann und denkt dabei wieder an sie. Der Motor heult auf. "Yes", murmelt Maurice und erinnert sich dabei an seine erst kürzlich erworbene Auspuffanlage. Eigentlich ist es ja keine komplette Anlage, sondern vielmehr eine Auspuff-Endtopf oder noch genauer: nur eine Auspuffblende. Aber das ist Maurice egal, denn der Auspuff sieht jetzt echt "abgefahren" aus und klingen tut es auch viel besser - meint zumindest Maurice.
'Schon fast keiner mehr da, bin mal wieder der letzte der geht', denkt sich Maurice, als er vom Parkplatz in Richtung Scheinfeld abbiegt. Erster Gang 30 km/h, zweiter Gang 60 km/h, dritter Gang bis der Motor nicht mehr höher dreht und dann in den vierten Gang. Mit 80 km/h geht es den Berg hinauf zur ersten Kurvenkombination. Die Reifen schreien sich die Seele aus dem Gummi, aber Maurice ist gnadenlos, schließlich ist "er" der Herrscher über sein Auto. "Er" denkt, "er" lenkt und Rehe oder Schwarzwild bekommen schließlich auch Angst, wenn Reifen so grässlich schreien. Nachdem die erste Kurvenkombination genommen wurde, und es immer wahrscheinlicher wurde, dass auch nicht noch der letzte in Geiselwind seine Reifen hören könnte, ging Maurice vom Gas und dachte wieder an sie. "Scheiße, warum schaff ich das nicht", schrie Maurice gegen seine Windschutzscheibe, wobei er abermals gegen das Lenkrad schlug. Immer wieder quält Maurice ein Gedanke: "Wie ist das wohl mit einem Mädchen?". Auch jetzt überkommt ihn wieder der Gedanke und er sieht wieder die leuchtenden Augen des Mädchens, das sich nur ab und zu umdreht. Groß und leuchtend blau blicken sie ihm durch die Windschutzscheibe seines Corsas in seine Augen. Immer heller leuchten sie und das vormalige Blau wird leuchtend wie die Mittagssonne an einem wolkenlosen Tag im Juli. Ein lautes Geräusch reist Maurice aus dem Dämmerzustand zurück in die Realität. "Hupe, Scheiße das ist ne Hupe und ... Aufblendlicht", schießt es ihm durch den Kopf, und mit einer reflexartigen Bewgung reißt Maurice das Lenkrad seines schwarzen Corsas nach rechts.
Die Reifen schreien, als wäre es ihre letzte Fahrt. Fast wie der Todesschrei eines Menschen, der unfreiwillig von einer Brücke gesprungen wird. Maurice dagegen kann in diesem Moment nicht schreien, ihm stockt der Atem. Sein Puls ist gleich null, und er hat nur noch einen Gedanken: "Ihr scheiß Bäume kriegt mich nicht". Genau in diesem Moment reißt er das Lenkrad nach links. Maurice nimmt war, dass seine Hinterachse bereits im Graben fährt und er kann an seinem Allerwertesten bereits Äste und Steine spüren. Schlamm, Äste und Laub werden aufgeschleudert, und klatschen gegen die Scheibe der Beifahrertür. Maurice lenkt von rechts nach links - nicht berechnent, sondern rein intuitiv, oder doch mehr panisch vor Angst um sich und vor allem, seinem frisch geputzten Wagen. Der Wagen schleudert von einer Sraßenseite auf die andere, als plötzlich ein lauter Knall das Auto erschüttert. Das muss ein Leitpfosten gewesen sein schoss es Maurice durch den Kopf, und schon sah er im Augenwinkel etwas schwarz-weiß gestreiftes durch die Luft fliegen. 'Der schöne Lack'. "Scheiße mann, neeeiiin nicht jetzt", schreit Maurice und reißt nochmals mit aller Gewalt am Lenkrad und das Auto kommt wieder schwankend und schleudernt in die Spur. "Scheiße war das knapp". Maurice holt zum ersten mal wieder Luft, nachdem er die strahlenden Tageslicht-Augen gesehen hatte, so kommt es ihm zumindest vor. Es ist noch dunkel draußen, und Maurice entscheidet sich kurzerhand weiterzufahren. Er blickt nochmals in den Rückspiegel, wo er noch die Bremslichter des Vans erkennen kann, dessen Augen vor kürzester Zeit noch anziehend fand und fährt weiter, als wäre nichts geschehen. 'Keinen Bock jetzt auf irgendwelche blöden Sprüche von irgendwelchen Sonntag-Früh-in-den-Freizeitpark-Fahrern, die einem eine Moralpredigt über aufmerksames Fahren halten wollen', denkt sich Maurice, und vor allem nicht nach den 6 Jägermeistern, die man vor einer Stunde noch in der Bar eingeworfen hatte.
Maurice fährt einfach weiter. Nach der ersten Kurve kann er die Bremslichter des Vans nicht mehr erkennen. Nach zwei Kilometern ständigen Spiegelschauens ist Maurice klar geworden, das der wahrscheinliche Familienvater nicht die Verfolgung aufgenommen hat, und er fängt langsam an, sich wieder zu entspannen. 'Alles jetzt, nur keine Ruhe', denkt er sich, 'sonst schlaf ich nochmal ein' und schaltet sein Radio ein. Die Auswahl ist nicht sonderlich groß in einer so ländlichen Gegend wie die, welche Maurice seine Heimat nennt. Zwei Sender schaffen es auch bis zum letzten Einsiedlerhof vorzudringen, wobei beide von soviel "Gelaber" geprägt sind, wie es Maurice immer nennt, dass man schon mal Gück haben muss, ein ausgefallenes Lied zu hören, oder wenigstens ein Lied mal bis zum Ende präsentiert zu bekommen. Im Moment ist das Maurice aber ziemlich egal. Er ist froh, dass sein Auto nicht in Bananenform um einen Baum gewickelt ist. Und seine Eltern nicht in zwei Tagen eine Todesanzeige in der Zeitung lesen müssen, wobei sich schon langsam die Wut über das wahrscheinlich ziemlich stark zerkratzte Auto einschleicht. "Achtung, im gesamten Sendegebiet kommt es verbreitet zu Straßenglätte", tönt es aus den Lautsprechern, inkl. Subwoofer der wie es Maurice in diesem Moment einfällt "Sau teuer" war. Ja, es war kalt geworden. Es ist mittlerweile November und die Straßen können schon an der ein oder anderen Stelle etwas schmierig werden. Aber betrifft das wirklich das gesamte "Sendegebiet", so wie es die überschwängliche Stimme aus dem Radio durch das Land schreit, oder nehmen die nur die 10 km um München rum?
Maurice bemerkt von der angeblichen Glätte nichts, auch nicht, nachdem er eine kurze Probebremsung durchführt hat (hat man ja so in der Fahrschule gelernt). "Wir haben einen Anrufer in der Leitung!", schreit die Stimme im Radio im grässlichen Moderatoren-Schrei-Slang. 'Wer in Gottes Namen ruft früh morgens bei einem Radiosender an?', fragt sich Maurice, was treiben solche Leute um diese Uhrzeit?'. Diese Frage ist bei weitem nicht so nervig, wie der Moderator selbst. Moderatoren haben auf Maurice eine abstossende Wirkung. 'Ständig müssen die schreien. Jeden verdammten scheiß Satz den die Sagen, müssen die ins Mikro schreien, dabei sitzen die doch maximal 5 cm von dem Scheißding weg', denkt Maurice nicht zum ersten mal. Jedes mal wenn er Radio hört, denkt er sich immer wieder das gleiche: 'Warum sind die Scheißkerle immer so gut drauf, und warum schreien die immer so rum?'. "Natürlich erfüllen wir dir deinen Wunsch ... HIER IST VON AC/DC HIGWAY TO HELL". 'Oh welch aussergewöhnlicher Wunsch, Scheiße, wenn schon AC/DC, dann sollen die doch mal BACK IN BLACK, WHO MADE WHO oder so etwas spielen - immer der gleiche Scheiß', denkt sich Maurice und murmelt: "Radioweichspüler".
Langsam fängt es an zu dämmern und während ACDC von der "Autobahn in die Hölle" singen nähert sich Maurice mit seinem Corsa der eigentlichen Hauptstrasse der Gegend. "Was ... was war das?", Maurice traute seinen Augen nicht, waren das gerade Haare neben seinem Beifahrerfenster? Erschrocken steigt Maurice in die Eisen und wieder schreien seine Reifen, diesmal allerdings immer nur kurzzeitig, weil das ABS hervorragende Arbeit leistet. Die Haare im Beifahrerfenster gingen gerade mal bis knapp über den Spiegel. Um diese Uhrzeit konnte unmöglich ein Kind unterwegs sein. Maurice lief es eiskalt den Rücken hinunter. Er hatte nichts gesehen. "Scheiße ich hab´s doch wohl nicht erwischt? Wie konnte ich das übersehen?", dachte er sich und starrte in den Rückspiegel. Was er sah, würde er sein ganzes Leben nicht wieder vergessen können.









