Der Gesang - Teil 2
Download als PDF: hierMaurice sieht eine leicht nach vorne gebeugte Gestalt. Sie scheint irgendetwas in den Händen zu halten, was er aber nicht erkennen kann. Die Haare, die er vor kurzem noch flüchtig durch die Scheibe seiner Beifahrertür sah, hängen nass bis auf die Schultern. Die Gestalt scheint zu frieren, was auch kein Wunder ist, bei wenigen Graden über Null. Maurice´ Augen spiegeln sich in seinem eigenen Rückspiegel und er sieht, im Zwielicht, dass die Gestalt stehen bleibt. Langsam dreht das kleine Wesen seinen Kopf in Richtung des Autos. Für einen kurzen Moment glaubt Maurice, die Augen des Junge wären komplett schwarz. Ein Schaudern fährt ihm über den Rücken und er hat wohl zum ersten mal in seinem Leben richtig panische Angst. Er dreht den Zündschlüssel um und mit heulendem Motor und quietschenden Reifen rast er los, als ob er vor dem Anblick, den er gerade gesehen hatte, wegfahren könne. Noch einmal sieht er in den Rückspiegel und erkennt, dass sich der Junge wieder umdreht und weiter in die entgegengesetzte Richtung läuft. "Reiß dich einmal zusammen", schreit sich Maurice selbst an und steigt in die Bremsen, so dass auch dieses mal das ABS anschlägt und die Reifen zuckend zum Stehen kommen. Der Motor wird schlagartig leiser und nur ein geduldiges Brummen kann man noch vernehmen, was untermalt wird von einem letzten "... and I´m going down ..." der Band AC/DC aus dem Radio. Die rote Zusatzbremsleuchte taucht die komplette Umgebung und den Jungen von hinten in rotes Licht. Maurice schaltete das Radio aus und lässt dabei keine Sekunde den Rückspiegel mit dem Jungen aus den Augen. 'Er hat geweint', denkt er und bildet sich ein, Striemen im Gesicht des Jungen erkannt zu haben, nachdem sich seine erste Panik gelegt hat. Er ist hier der einzige weit und breit und wenn er nicht hilft, wer dann? Er dreht den Zündschlüssel um und erst jetzt bemerkt er, wie leise ein Sonntag morgen sein kann. Kein Vogelgezwitscher, keine Autos die irgendwo herumfahren - einfach nur Stille.
Der 22-jährige steigt aus dem Auto aus und sieht in Richtung des Jungen. Er hört ein Schluchzen und ein schleifendes Geräusch. 'Der Junge weint! Verdammte Scheiße warum gerade ich? Was macht der hier?'. Noch immer mit einem flauen Gefühl in der Magengegend geht Maurice hinter dem Jungen her. "Hey, warte! Bleib doch mal stehen!". Als ob der Junge taub wäre läuft er unbeirrt weiter. Maurice erhöht seine Geschwindigkeit und fängt an zu laufen. Als er den Jungen einholt, greift er ihm an die Schulter und dreht ihn zu sich herum. Der Junge reisst die Augen auf und schreit markerschütternd. Rückwärts taumelnd schreit er, als würde er Maurice als eine Art Monster sehen. Die Augen des Jungen sind blutunterlaufen und haben nichts mehr denen eines fröhlichen Kindes, das am Samstag Nachmittag noch mit seinen Freunden gespielt hat. Maurice dreht sich nach allen Seiten um, zieht den Jungen an sich und hält ihm den Mund zu. Der Junge windet sich in alle Richtungen und Maurice versucht ihn zu beruhigen, wobei er selbst den Kopf prüfend in alle Richtungen dreht, ob nicht irgendjemand ihn sieht. "Hör doch auf zu Schreien. Was ist mit dir? Alles wird gut. Hab keine Angst". Alles versucht Maurice, um den Jungen zu beruhigen. Jeden scheiß Satz, den er mal in irgendeinem Film gehört hatte gab er zum besten, doch nichts half. Immer noch versuchte der Junge sich zu befreien. Und Maurice startet einen letzten Anlauf. "Hey, ich bin Maurice, ich tu dir nichts. Wer bist denn du?". Sichtlich vor Erschöpfung beruhigt sich der kleine Junge und schaut Maurice mit blutunterlaufenen fragenden Augen an. "Na sag schon, wer bist du? Ich tu dir wirklich nix". "Dany - mir ist kalt", klang es aus den zitternden Lippen. 'Er spricht, er ist ein normaler Junge', Maurice ist sichtlich erleichtert, nachdem er das Gestammel von Dany vernommen hat und wird selbst wieder etwas lockerer. "Also, Dany-mir-ist-kalt, kommst du mit ins Auto, da ist es wenigstens etwas wärmer als hier, oder ...". Doch Maurice kann den Satz nicht zu Ende bringen, denn dabei schlossen sich bereits die Augen des Jungen und Dany bricht in seinen Armen zusammen. Ein klapperndes Geräusch macht Maurice aufmerksam. Als er auf den Boden sieht, erkennt er eine kleine Holzschachtel, die Dany wohl festgehalten haben muss. Er nimmt die Schachtel und steckt sie in seine Jack-Wolfskin-Jacke.
'Ich brauch ein Krankenhaus, scheiße was mach ich denn jetzt?'. Maurice hebt Dany-mir-ist-kalt hoch und läuft so schnell er kann zum Auto. 'Ist er schon tot? Erfroren? Scheiße, trag ich jetzt eine Leiche ´rum?' Im selben Augenblick muss sich Maurice übergeben. Eine Mischung aus Galle und Jägermeister ergiesst sich während des Laufens über die Schulter seiner Jack-Wolfskin-Jacke. Mit einer Hand öffnet er die rechte hintere Tür des Corsas, nachdem er den Jungen gegen den Wagen gelehnt hat und legt ihn anschließend auf den Rücksitz. "Stirb mir bloß nicht", flüstert er ihm ins Ohr, während er in ablegt. Dass sich Maurice zu dem Jungen hinuntergebeugt hat, beruhigt ihn, denn er konnte für einen kurzen Augenblick den Atem von Dany an seiner Wange spüren. 'Er lebt noch, jetzt aber schnell ins Krankenhaus'.
Maurice dreht den Zünschlüssel und fährt in Richtung des nächsten Krankenhauses. Mit Vollgas fährt er los, diesmal aber nicht, um irgendjemand zu beeindrucken, sondern weil er Angst hat. Angst, dass Dany in seinem Auto stirbt, oder vielleicht ist es auch die Angst, das zu sehen, was Dany vor kurzem gesehen haben muss. Was würde er denn tun, wenn er eine Leiche in seinem Auto spazieren fahren würde? Immer mehr Gedanken rasen durch Maurice´ Kopf. Fast jede Folge von CSI Miami hat er gesehen und immer wieder läuft es aufs gleiche hinaus. Der Täter wird aufgrund von DNA-Untersuchungen, Hauptabschürfungen unter den Fingernägeln des Opfers, Speichelspuren an den Händen des Täters usw. identifiziert. Wie viel Beweise würde es denn in seinem Fall geben. Er hat Dany den Mund zugehalten. Dany hatte sich gewehrt. Seine Haare waren bestimmt überall an Dany und Danys Haare überall an seinen Klamotten. Noch dazu die 6 Jägermeister, von denen vielleicht 3 jetzt mit Jack auf Wolfsjagt sind. Alkoholisiert, vollgekotzt und mit einer Leiche auf dem Rücksitz, da wäre eine Polizeikontrolle jetzt genau die falsche Option. Maurice greift an den Rückspiegel und dreht ihn ein Stück nach unten, um Dany zu sehen. Seine Brust bewegt sich, 'er lebt also noch. Wo mag er wohl herkommen?', fragt sich Maurice, während er auf seinem Tacho 160 km/h abliest.
Die Mittelstreifen der Bundesstraße rasen unter dem Corsa weg, dessen Motor schon jetzt dem Ende so nahe schien, als wie der Junge auf dessen Rücksitz. Noch ca. 10 km bis zum Krankenhaus. "Halt durch!", ruft Maurice Dany zu, obwohl er weiß, dass er ihn nicht hören konnte. 'Schau auf die Straße - beobachte die Seiten, du kennst die Stellen, an denen geblitzt wird', denkt sich Maurice und zwingt währenddessen seine Augen nicht mehr zu zwinkern. 'Was erzähl ich nur denen im Krankenhaus? Und vor allem, wie krieg ich den Jungen da rein, ohne selbst erkannt zu werden?'. Maurice´ Gedanken kreisen nur noch um das eine. Doch die Entscheidung muss Maurice nicht mehr fällen. Eine grüne Mütze und ein rotes Licht unterbrechen seine Gedanken mit nur einem Wort: "SCHEISSE!", schreit Maurice im Auto, als er die Polizeikontrolle vor ihm in einem kleinen Kaff kurz vor dem rettenden Krankenhaus sieht. Der Polizist winkt ruhig und gelassen mit der Kelle und zeigt ihm an, dass er doch bitte rechts ranfahren solle. 'Fahr einfach weiter, die sperren dich ein!', denkt sich Maurice und während er eigentlich schon vom Gas ging und den Blinker gesetzt hatte, drückt er voll aufs Gas und rast an der Kontrolle vorbei. Im selben Augenblick wusste Maurice, dass sich sein Leben ab jetzt ändern würde. Im Seitenspiegel konnte er den aufgeregten Polizisten noch erkennen, wie er in Richtung Beifahrertür losrannte. Maurice war jetzt mit den Nerven schon völlig am Ende und fing an zu nesteln. Das tat er immer, wenn er nervös wurde. Schon in der Schule hat er immer angefangen, an seinen Klamotten herum zu zupfen, wenn er nervös wurde. Das sah dann immer aus, als wäre er der größte Volldepp, aber seitdem er doch so einige Prüfungen geschafft hatte, ließ diese Auffälligkeit nach. Doch heute ist ein anderer Tag, er ist auf der Flucht vor der Polizei, mit einem bewusstlosen Jungen namens Dany-mir-ist-kalt auf dem Rücksitz und einer vollgekotzten Jack-Wolfskin-Jacke.Während er an seinen Klamotten herumfummelt, bemerkt er die kleine Holzschachtel in seiner Jackentasche.
Die Sirenen der Polizei sind mittlerweile auch im Corsa zu vernehmen. 'Noch sind sie relativ weit weg, wenn ich gleich Richtung Innenstadt abhaue, habe ich die größten Chancen', denkt sich Maurice, wobei ihm gleich der nächste Gedanke durch den Kopf schoss. 'Die rufen jetzt bestimmt Ihre Freunde in der Zentrale an und es ist bestimmt schon der nächste Polizeiwagen unterwegs. Schnell - denk nach, wo kannst du dich verstecken, was machen die bei CSI-Miami immer falsch?'. Mit Vollgas fährt Maurice in die Stadt ein und rast in Richtung Stadtmitte. 'Da gibt es kleine Gässchen und Unterstellplätze. Wegfahren kann ich denen nicht mit meiner Schleuder, aber vielleicht verstecken.' Im selben Augenblick erinnert er sich an seine kürzlich erworbene und bisher nur einmal ausprobierte Mobil-Garage, eine Art silbernes Tuch, um das Auto vor Frost zu schützen. 'Ich muss in die kleinen Gässchen kommen'. Die Sirenen werden mal laut, dann wieder etwas leiser, je nachdem, wie die umliegenden Häuser den Schall reflektierten. Maurice hat endlich sein Ziel erreicht. Eine kleine Parkbucht unterhalb eines Klamottenladens scheint ihm das ideale Versteck zu sein. Während Maurice die silberne Haube über den Corsa zieht hört er die Sirenen immer näher kommen und kommt sich vor wie ein Strauß, der einfach seinen Kopf in den Sand steckt und dabei hofft nicht gesehen zu werden. Endlich fertig. Maurice klettert, nachdem er die Haube über das Auto gestreift hat, von unten zurück in den Wagen. Er muss sich schon etwas durch den schmalen Spalt zwängen und genau in dem Moment, als er die Tür schließt, hört er hinter sich ein Auto langsam näher kommen.









